Trugschluss Tradimix. Hackbrett und Popularmusik – eine Annäherung Teil 3
Komalé Akakpo
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Originale Popularmusik für Hackbrett in notierter Fom

Die Verwendung des Hackbretts in originaler Literatur popmusikalischen Stils ist der jüngste Bereich in der Entwicklung der Hackbrettmusik. Auch hier sind kaum Stücke verlegt, was aber auch an fehlenden Komponisten liegen mag. Die Zahl der bereits existierenden, aber nicht veröffentlichten Popstücke für Hackbrett liegt jedenfalls im Dunkeln. So bediente Jörg Lanzinger mit seinen Veröffentlichungen für reines Hackbrettensemble oder gemischte Besetzung diese Sparte mit verhältnismäßig großer Nachfrage lange Zeit allein. Nachdem sich drei seiner Schülerinnen im Alter zwischen sechs und neun Jahren zu einer „Hackbrett-Band“ zusammengefunden hatten, schuf Lanzinger erste Stücke für diese Besetzung, die er 2008 unter dem Titel "B.ubbles A.nd C.razy H.orses" über den Landes-Hackbrett-Bund Baden-Württemberg herausgab. Neben den drei Hackbrettstimmen sind außerdem Akkorde für Gitarre angegeben. Bei diesem ersten Spielheft werden die Stimmen häufig noch im gleichen Rhythmus gespielt, in einigen Fällen übernehmen eine oder zwei Stimmen auch das gängige Modell der Power Chords, also eine Begleitung mit Grundton und Quinte. Die typischen Songstrukturen mit Strophen, Bridge und Refrain sind bekannten Popsongs in vereinfachter Form nachempfunden. Daneben sind immer wieder effektvoll verschiedene Spieltechniken wie Zweiklänge, Tremoli, Klopfgeräusche oder Töne auf den Außenstegen eingebaut. Schließlich wird auch einem methodischen Anspruch Rechnung getragen, indem nach und nach anspruchsvollere Rhythmen und zusammengesetzte Taktarten verwendet werden. Die folgenden drei Hefte, die Lanzinger bisher veröffentlicht hat, schlagen die gleiche Richtung ein: Es soll eine große Bandbreite an Genres abdeckt werden, von poppigen Balladen bis zu schnellen Rock-Stücken. Der Band "Band-Mix" aus dem Jahr 2008 steht aufgrund der Besetzung für sich. Er enthält neben zwei beliebigen Melodiestimmen auch eine ausnotierte Schlagzeugstimme, sowie eine Begleitung für Keyboard und/oder Bass. Mit einer aus Midifiles erstellten Begleit-CD ist es zudem möglich, die Stücke zu Playback zu spielen. Dass diese Besetzung auch in der Praxis funktioniert, zeigt die Gruppe Saitenflitzer. Die drei Schülerinnen haben sich unter Lanzingers Anleitung vom Hackbrett-Trio zu einer Band mit Hackbrett, Bass, Gitarre, Schlagzeug und Gesang weiterentwickelt. Neben den Stücken aus der Feder ihres Lehrers und Coverversionen bekannter Rocksongs schreiben die Mitglieder inzwischen eigene Stücke, in denen sie das Hackbrett wie eine Leadgitarre einsetzen. Ähnliche Projekte sind aus der Hackbrettszene zwar noch nicht hervorgetreten, doch erfreuen sich Jörg Lanzingers Kompositionen ohne Zweifel großer Beliebtheit und werden nicht nur für den Unterricht mit Kindern, sondern auch von Laienspielgruppen Erwachsener stark nachgefragt.

Aus Österreich stammt schließlich die einzige Komposition für fortgeschrittene Schüler. "Quantum of Action" von Robert Morandell ist ein Stück für Hackbrett und Gitarre. Morandell, selbst übrigens kein Hackbrettspieler, sondern Gitarrist, lehnt sein Stück vom Aufbau her an Filmmusik an. Der schnelle, am Ende wiederholte A-Teil umschließt einen kontrastierenden B-Teil, der frei gehalten ist und Mehrklänge aus dem Modern Jazz verwendet. Der erste Teil ist dagegen von einem Wechselspiel aus pentatonischen Motiven mit Pedaltönen und komplexer chromatischer Melodik geprägt. Die Gitarre übernimmt den Begleitpart mit treibenden Power Chords und charakteristischer Hard Rock-Phrasierung. Auch dieses Stück, das für den österreichischen Prima la Musica-Wettbewerb entstanden ist, erfreut sich großer Beliebtheit.

Die Frage, ob Popmusik auf dem Hackbrett gespielt werden darf, stellt sich für die heutige Spielergeneration nicht mehr. Ein junges Instrument, das seine ersten professionellen Gehversuche in diesem Genre bereits hinter sich hat und sich in der Filmmusik steigender Beliebtheit erfreut, ist eine Begründung dafür. Eine zweite ist, dass das Hackbrett mit seinen vielfältigen melodischen und rhythmischen Möglichkeiten und dank der Weiterentwicklung von Instrument und Spieltechnik in der Lage ist, in adäquaten Besetzungen den Anforderungen dieser Musik gerecht zu werden. Und wo inzwischen von der Blockflöte bis zum Akkordeon beinahe jedes Instrument mit eigenen Adaptionen bekannter Schlager aufwarten kann, sollte das Hackbrett unbedingt nachziehen. Die bisherige Arbeit gibt den Lehrern, Komponisten und Arrangeuren recht: Diese Literatur begeistert vor allem Kinder und Jugendliche und sorgt seit Jahren für steigende Schülerzahlen und eine gleichbleibende Motivation auch im Pubertätsalter. Mit dem Schritt aus der Volksmusik auf andere Stile und Instrumente zu konnte das Hackbrett nur gewinnen.

 

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