Trugschluss Tradimix. Hackbrett und Popularmusik – eine Annäherung Teil 2
Komalé Akakpo
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Pop im Bereich der Laienmusik und als Unterrichtsliteratur

Das Spielen von Bearbeitungen populärer Musik geht ebenfalls auf die Initiative akademisch ausgebildeter Lehrer zurück. Mit Sicherheit hatten Hackbrettspieler auch früher schon die Idee, bekannte Themen auf ihrem Instrument nachzuspielen. Hackbrettspieler sind ohnehin mangels Notenmaterial genreunabhängig darauf angewiesen, Eigeninitiative zu zeigen. Größere Verbreitung fand diese Praxis im Bereich Popularmusik aber erst auf Seminaren. Der Hauptimpuls ging hier wohl von Günter Ebel aus. Auf dem Hackbrettseminar 1997 in Balingen stellt er den "Balinger Hackbrett-Blues" vor und unterrichtete die Teilnehmer in den Grundlagen der Blues-Improvisation. In der Folgezeit erfreute sich das Stück auch auf anderen Seminaren großer Beliebtheit und erzeugte unter Hackbrettspielern wie Zuhörern das Gefühl, endlich eine Originalkomposition vorweisen zu können, die nichts mit alpenländischer Volksmusik oder Klassik zu tun hatte. Ebel arbeitete in diese Richtung weiter und schrieb zahlreiche Bearbeitungen aus dem Jazz- und Popbereich sowie Eigenkompositionen für Hackbrettensemble. Meist waren in diesen Arrangements neben zwei bis drei Melodiestimmen und ein oder zwei Begleitstimmen auch Gitarre und Kontrabass zur Begleitung vorgesehen. Letzterer kann alternativ auch durch ein Basshackbrett ersetzt werden.

Die Schwierigkeit bei der Interpretation von Jazzmusik auf dem Hackbrett liegt – mit Ausnahme des Modal Jazz – im schnellen Wechsel der Harmonien, das den Nachhall des Instruments zum Problem werden lässt. Ebel erkannte, dass in diesem Fall zufriedenstellende Ergebnisse nur mit einer gut entwickelten Dämpftechnik erzielt werden können. Auch die für Jazz und Pop charakteristische Rhythmik mit ternären Achtelnoten, Vorausnahmen und Synkopen stellte für die meisten Hackbrettspieler Neuland dar. Als Hilfestellung veröffentlichte Günter Ebel deshalb im Jahr 2001 die Schule "Swinging Strings", von der bislang allerdings nur der erste Band vorliegt. Er erklärt darin die ein- und zweistimmige Phrasierung im Jazz. Das Konzept, Sprachsilben zur korrekten Wiedergabe von ternären Rhythmen zu verwenden, stammt von seinem Lehrer Kurt Maas. Erläuterungen zu Struktur und Improvisation waren dagegen für den zweiten Band vorgesehen. "Swinging Strings" ist bis heute das einzige Lehrwerk zum Thema Popularmusik für Hackbrett. Obwohl das Heft bereits fortgeschrittene Kenntnisse im Hackbrettspiel voraussetzt, fand es bei vielen Interessierten großen Anklang.

Ebenfalls Mitte der 1990er Jahre begannen Referenten des Landes-Hackbrett-Bundes Baden-Württemberg mit der Bearbeitung bekannter Popmusik für Hackbrettensemble. Monika Spieß und Jörg Thum, beide Schulmusiker und Hobbyhackbrettspieler orientierten sich dabei offensichtlich an bestehenden Arrangements für ähnliche Besetzungen wie Gitarrenorchester oder Blasmusik. Der Stilistik waren damals schon keine Grenzen gesetzt. Von Schlagern über aktuelle Popsongs bis zu Themen aus Film und Fernsehen wurde bearbeitet, was beliebt war.

Jörg Lanzinger weitete dieses Repertoire ab 1998 auf den Schwäbischen Hackbrettseminaren weiter aus. Aktuelle Popsongs und Rockklassiker wie "Smoke on the Water" von Deep Purple standen in den folgenden Jahren auf dem Programm und erfreuten sich quer durch alle Altersgruppen großer Beliebtheit. Auch bei diesen Arrangements standen die Hackbretter im Vordergrund. Die Bassstimme wurde oktaviert von einem Bass- oder Tenorhackbrett ausgeführt, die Mittelstimmen bildeten durch Zweiklänge oder zerlegte Akkorde das harmonische Gerüst, die Melodie- bzw. Gesangslinie wurde in der Regel auch eine Oktave nach oben transponiert, um Stimmkreuzungen zu vermeiden. Wie bei allen gleich besetzten Kammermusikensembles besteht die Schwierigkeit auch bei Hackbrettern darin, die Stimmen in verschiedenen Klangfarben voneinander abzusetzen. Hinzu kommt der vergleichsweise geringe Tonumfang bzw. die Tatsache, dass Tenor- und Basshackbretter nach wie vor wenig verbreitet sind. In der Praxis behilft man sich mit verschiedenen Techniken wie Zupfen, Tremolo, gedämpft gespielten Passagen und der Verwendung unterschiedlicher Schlägelbeläge. Vor allem bei Unterrichtsliteratur hat die Erfahrung gezeigt, dass das vereinfachte „Eindampfen“ eines Bandarrangements zu einer Art aufgeteiltem Klaviersatz für Spieler und Zuhörer schlüssiger klingt als eine originalgetreue Übernahme der einzelnen Instrumentalstimmen, auch wenn gerade das für fortgeschrittene Schüler eine interessante Herausforderung darstellt.

Jörg Lanzinger weitete seine Tätigkeit als Arrangeur in den folgenden Jahren aus und setzt inzwischen vor allem für ein gemischtes Ensemble in Kammerorchestergröße mit Hackbrettern, Gitarren, Kontrabass und Cajon als Schlagzeugersatz. Für eine ähnliche Besetzung schreibt seit Jahren Rita Nowak. Ulrike Wenicker-Kuhn griff für ihr Hackbrettorchester Salterion Stücke von Scott Joplin und den Beatles auf, arrangierte diese allerdings wesentlich komplexer im Stile von Kammerorchesterpartituren mit sechs bis dreizehn Stimmen (Horber 2011, S. 8). Die Besetzungen dieser Ensembles ähneln sich aufgrund der beschränkten Lautstärke der Hackbretter. Zithern, Holzbläser und einzelne Streichinstrumente kommen immer wieder vor, Blechbläser, Drumsets oder E-Gitarren sind dagegen die Ausnahme.

Weitere Hackbrettlehrer in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Österreich haben bisher Werke aus Rock, Pop und Filmmusik für verschiedene Besetzungen adaptiert. Gerade im Bereich der Evergreens aus den letzten 60 Jahren Popgeschichte, alter Schlager wie "Mein kleiner grüner Kaktus" und Filmmusik ist bereits eine stattliche Anzahl an Bearbeitungen von über zwanzig Arrangeuren vorhanden. Das große Problem der Szene ist, dass bisher nichts davon veröffentlicht und häufig nur als Unterrichtsliteratur verwendet wurde. So fehlen zum einen die Etablierung eines gewissen Standards in den Arrangiertechniken, zum anderen ein Mehrwert durch den Erwerb und Verwendung des Arrangements durch andere Spieler.

Exkurs: Das Hackbrett in professionellen internationalen Popproduktionen

Abgesehen von elektronischer Popmusik und Rock mit extrem verzerrten Gitarren und bedingt tonalem Gesang scheint sich Popmusik unabhängig von Genre und Instrumentation gut auf das Hackbrett übertragen zu lassen. Selten finden sich dabei allerdings Vorlagen mit originaler Hackbrettstimme. Am bekanntesten ist der Einsatz eines englischen Hackbretts im Stück "Life in Technicolor" der britischen Band Coldplay, wo es das Hauptriff spielt. In den unscharf definierten Bereich des Progressive Rock/Pop fallen Künstler wie Björk, Peter Gabriel, Porcupine Tree, Rush, Embryo und Marillion, die ebenfalls gelegentlich einen Verwandten des Salzburger Hackbretts auf ihren Veröffentlichen zum Einsatz bringen. Eine weitere Gruppe dieser Stilrichtung, The Alan Parsons Project, verwendete auf zwei Alben mit dem Cimbalom die ungarische Variante des Hackbretts. Allen erwähnten Beispielen ist gemeinsam, dass das Hackbrett nur an wenigen Stellen eingesetzt wird. Wird das Hackbrett von einem Bandmitglied – meist dem Schlagzeuger oder Pianisten – gespielt, findet es für rhythmische, xylophontypische Patterns Verwendung und wird häufig mit Synthesizer- oder Gitarrensounds gedoppelt. Kommt ein Gastmusiker zum Einsatz, soll dieser oft mit einer prägnanten Hauptmelodie ein folkloristisches Kolorit einbringen. Eine entsprechende Verwendung findet sich bei Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Kodály oder Orff und Filmmusiken von John Barry und Carmine Coppola (http://en.wikipedia.org/wiki/Cimbalom/, zuletzt abgerufen am 03.12.2012). Auch der Gebrauch des Hackbretts als Perkussionsinstrument ist nicht nur bei zeitgenössischen Komponisten wie George Crumb, sondern auch in der Filmmusik von Howard Shore, Hans Zimmer oder in Deutschland Rainer Bartesch zu beobachten.