Trugschluss Tradimix. Hackbrett und Popularmusik – eine Annäherung
Komalé Akakpo
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Erstveröffentlichung in "Phoibos" - Zeitschrift für Zupfmusik 1/2013

"Ihr aber, die ihr selber nun das "Salzburger Hackbrett" spielt oder es euch zulegen wollt, bedenkt, dass es nur in Gesellschaft anderer alpenländischer Instrumente glücklich ist!" (Reiser 1959, S. 53.)

Dieser fromme Wunsch Tobi Reisers, des Erfinders des „chromatischen Salzburger Hackbretts“, erscheint heute allenfalls Szeneunkundigen noch als Gebot. Bereits zehn Jahre nach Erscheinen von Reisers Bericht in der Sänger- und Musikantenzeitung begann Karl-Heinz Schickhaus mit der Entdeckung originaler Salteriosonaten und durch Auftragskompositionen, dem neuen Hackbretttypus klassische und zeitgenössische Musikwelten zu erschließen. Schickhaus trat Reisers Annahme, bei dem Hackbrett handle es sich um ein reines Volksmusikinstrument, mit eindeutigen Belegen entgegen. Vielmehr wurden beinahe alle Erscheinungsformen des Hackbretts in den verschiedenen Epochen sowohl in geistlicher, als auch gehobener sowie folkloristischer weltlicher Musik verwendet, kurz: Es war bis in die jüngste Vergangenheit auch im deutschsprachigen Raum ein Instrument, das ähnlich eingesetzt wurde wie andere, damals wie heute verbreitete Saiteninstrumente.

Ausgehend von der Vermittlung dieses Wissens im von Karl-Heinz Schickhaus geleiteten Studiengang Hackbrett am Münchener Richard-Strauss-Konservatorium führten vorwiegend professionelle Spieler das Vorhaben ihres Lehrers fort, neue Einsatzbereiche für das Hackbrett zu erschließen. Heute, rund 80 Jahre nach Erfindung des Chromatischen Salzburger Hackbretts gibt es wohl kaum ein Genre, in dem nicht zumindest erste Gehversuche mit diesem Instrument unternommen wurden. Insbesondere Popularmusik erfreut sich seit etwa 15 Jahren steigender Beliebtheit und ist aus dem Unterricht für Kinder fast flächendeckend nicht mehr wegzudenken. Verbreitung und Genres populärer Musik im Hackbrettspiel sollen im Folgenden beschrieben werden. Gleichwohl zwingt die kuriose Art und Weise dieser Entwicklung zu einer Art resümierendem Zwischenbericht, da bisher nur ein Minimum an theoretischen Überlegungen und Spielliteratur veröffentlicht ist. So stammen die Informationen dieses Artikels vor allem aus selbst erlebten Situationen, Gesprächen oder aus erster Hand von Hauptakteuren und Kollegen, da sich der Autor selbst als Teil des jüngeren Entwicklungsprozesses begreift.

Wer ein Instrument spielt, hat zwei Möglichkeiten, sich aktiv mit Popmusik auseinanderzusetzen: entweder spielen oder nachspielen. Gitarristen, Sänger oder Schlagzeuger können dabei direkt ihren Idolen aus bekannten Gruppen nacheifern. Musiker, deren Instrument nicht in den üblichen Bandbesetzungen vorkommt, spielen Bearbeitungen. Inwieweit diese Praxis authentisch und für den Spieler befriedigend ist, scheint sehr unterschiedlich zu sein. Zwei Dinge sind nach eigener Erfahrung aus dem Unterricht mit Kindern und Jugendlichen aber sehr motivierend: zum einen die Erfahrung, Popmusik überhaupt selbst reproduzieren zu können, so wenig das Ergebnis auch nach dem Originalsound klingen mag, zum anderen das Wissen um professionelle Interpreten, die zum Vorbild genommen werden können und das Instrument damit aufwerten. Im Gegensatz zu manch anderem vermeintlichen Volksmusikinstrument kann das Hackbrett bereits auf einige Beispiele im professionellen Bereich verweisen. Auch wenn das Bild von nacheifernden Teenagern hier fehl am Platz ist, sollte der Einfluss dieser Experimente auf die folgende Entwicklung nicht unterschätzt werden.

Originale Popularmusik für Hackbrett

Wie in so vielen anderen Bereichen kommt Rudi Zapf auch in Sachen Popularmusik die Vorreiterrolle zu. Der gebürtige Münchner begann Mitte der 1980er Jahre eine enge Zusammenarbeit mit dem studierten Jazz-Gitarristen und Komponisten Wolfgang Neumann. 1986 gründeten sie die Band Never Been There, die zwischen 1987 und 1995 drei Alben veröffentlichte. Vom Hackbrett abgesehen entsprach die Besetzung mit Schlagzeug, E-Bass, E-Gitarre und Keyboard der einer typischen Instrumental-Popgruppe. Auf den ersten beiden LPs "Never Been There" und "Ambience" bewegt sich die Gruppe stilistisch zwischen Pop, Fusion Jazz und New Age. Die meisten Stücke sind eigenständige Kompositionen von Wolfgang Neumann, bisweilen verarbeitet die Band aber auch Folklorestücke aus den Notenheften von Zapfs Lehrer Karl-Heinz Schickhaus. Auf den Titellisten finden sich gelegentlich auch bayerisch benannte Titel. Erstaunlicherweise haben diese Stücke aber nichts mit dem sogenannten Tradimix, der Verschmelzung von Rock und Volksmusik, zu tun. Erst die "Afra Polka" auf dem dritten Album "Third out of three" weckt Assoziationen an den kurz zuvor etablierten Alpenrock Hubert von Goiserns. Auf diesem dritten Album ist zudem die Harfenistin Evelyn Huber zu hören.

Der Klang der Never Been There-Alben und auch späterer Veröffentlichungen anderer Gruppen ist vom Tenorhackbrett geprägt. Zapf entwickelte diese Form mit größerem Tonumfang und Dämpfpedal Mitte der 80er Jahre mit dem Instrumentenbauer Alfred Pichlmaier. Das sustainarme Staccato bei durchgehend gedrücktem Pedal ist nicht nur Markenzeichen von Zapfs Hackbrettsound, sondern auch unerlässlich, um schnelle Tonfolgen im Bandkontext trennscharf zu artikulieren. Zapf versuchte des Weiteren, das Hackbrett mit Tonabnehmern zu elektrifizieren. Während das Tenorhackbrett inzwischen weit verbreitet ist, konnte sich die elektroakustische Variante nie etablieren. Dies ist wohl damit zu erklären, dass die Anschlagsgeräusche von auf den Stegen montierten Tonabnehmern zu stark übertragen werden und eine originalgetreue Wiedergabe des Instrumentenklangs schwer zu realisieren ist. Rudi Zapfs Hackbrett klingt auf dem ersten Album von Never Been There mit Halleffekten eher nach Andreas Vollenweiders Harfe. Auch Versuche anderer Hackbrettbauer waren nicht zufriedenstellend, so dass heute eine externe Mikrofonierung bevorzugt wird. Im Livebereich liefert beispielsweise das übersprechungsfreie Kondensatorsystem C-411 von AKG gute Ergebnisse.

Die Aufgabe des Hackbretts im Bandgefüge ist bei Rudi Zapf klar definiert. Als registerhöchstes Instrument übernimmt es Melodie und Soloparts, die teilweise von einer unverzerrten E-Gitarre gedoppelt werden. Die Begleitung mit Schlagzeug, E-Bass und synthetischen Flächensounds lässt dem Hackbrett dabei viel Raum. Auf "Third out of three" bewegen sich Hackbrett und Harfe im Terzabstand oder wechseln sich ab. Die Arrangements sind insgesamt dichter, die in der Rockmusik übliche, verzerrte E-Gitarre kommt aber weiterhin nur in Solopassagen zum Einsatz. Eine Begleitfunktion kommt dem Hackbrett nur im Ausnahmefall zu, genau wie die spätere Nachbearbeitung mit Effekten wie Chorus und Hall, wie bei der "Intrada No. 1" zu hören ist.

Nicht unerwähnt bleiben soll Rudi Zapfs Mitwirkung an der ersten BavaRio-CD "ja genau". Der Gitarrist Wolfgang Netzer schrieb seine Eigenkompositionen und Latin Jazz-Arrangements für eine klassische Volksmusikbesetzung mit Gitarre, Hackbrett, Zither und Kontrabass. Auch wenn diese Stücke kein Bandrepertoire im ursprünglichen Sinne sind, fallen sie doch unter den Begriff der Popularmusik und sind durch die konsequente und virtuose Vermischung von bayerischer und südamerikanischer Folklore mit Jazzelementen eine Blaupause für spätere Tradimixgruppen. Auch hier behält das Hackbrett seine Funktion als reines Melodieinstrument.

Die Musik von Never Been There dürfte im höchst übersichtlichen Genre „Hackbrett-Pop“ den höchsten Bekanntheitsgrad erlangt haben, stehen doch auch Fernsehauftritte u.a. bei Alfred Biolek und ein Abend in der Münchener Philharmonie zu Buche. Entsprechend groß war der Einfluss, den Rudi Zapfs Erfindungsreichtum auf die Entwicklung der Hackbrettszene in den 1990er Jahren hatte. Zwar gab es bisher keine weiteren ähnlich ambitionierten Versuche in dieser Musikrichtung, die Arbeit von Günter Ebel im Jazzbereich ist aber mit mit der Rudi Zapfs vergleichbar.

Günter Ebel studierte am Richard-Strauss-Konservatorium eine einzigartige Fächerkombination. Zusätzlich zu einem klassischen Hackbrettstudium wurde ihm in einer Ausnahmeregelung gestattet, mit seinem Instrument auch den Studiengang Jazz als Zusatzfach zu absolvieren. Unter der Förderung des ehemaligen Leiters der Jazzabteilung Kurt Maas stand auch die Harfenistin Evelyn Huber. Maas regte die Gründung von Jazzbesetzungen mit untypischen Instrumenten an, woraus die Formation Bavaria Blue entstand. Diese hat sich in einer Besetzung mit Hackbrett, Harfe, Gitarre sowie Drumset, Bass und vereinzelt Gesang der Interpretation von Jazz-Standards, vornehmlich aus dem Swing- und Latinbereich, verschrieben. Zum Repertoire gehören aber auch Stücke wie "Blue Monk", "Cantina Band" und Rock'n'Roll-Cover. Alle Musiker verstärken ihre Instrumente, verzichten aber auf den Einsatz von Effekten. Ebel spielt sein Tenorhackbrett ebenfalls häufig gedämpft, um schnelle Harmoniewechsel nicht durch den Nachklang des Instruments verschwimmen zu lassen. In seinem Spiel kommt dem Hackbrett erstmalig auch eine echte Begleitfunktion zu. Ebel agiert dabei als gleichwertiger Partner von Harfe und Gitarre, stellt Themen vor und soliert über sie, gliedert sich während anderer Soli aber auch in die Begleitsection ein. Dazu verwendet er meist rhythmische zweistimmige Patterns, die aus den Spannungstönen der Akkorde bestehen, oder einstimme Tremoli. Diese Spielweise ähnelt dem Stil von Vibraphonisten wie Milt Jackson. Auch wenn weiterführende Studien zur analogen Verwendung von Vibraphontechniken für das Hackbrett bisher fehlen, scheint diese Orientierung ein möglicher Anknüpfungspunkt für zukünftige Projekte dieser Art zu sein. Die Arbeit von Bavaria Blue ist mittlerweile auf zwei CDs dokumentiert.

Weitere Projekte, bei denen das Hackbrett vordergründig in Popproduktionen eingesetzt wurde, finden sich ansonsten nur spärlich. Für einige Soli verwendete Jörg Lanzinger das Instrument auf Alben seiner Hard Rock-Band Between The Lines, es kommt jedoch nie über längere Strecken zum Einsatz. Lanzinger studierte in München Zither, Hackbrett und Kontrabass und ist derzeit der produktivste Popmusiker der Szene. Er verwendete das Hackbrett bisweilen auch in Jazz-Sessions. Von seinen zahlreichen Aktivitäten im pädagogischen Bereich wird in der Folge noch zu lesen sein. Mit dem Lanzinger Trio möchte er seit 2009 in eine neue Richtung. Eine Volksmusikbesetzung aus Hackbrett, Zither und Gitarre soll Popmusik ohne volksmusikalische Elemente spielen. Das Ergebnis ist bisher rein akustisch und wurde für die CD "Freilig" im Jahr 2012 eingespielt. Hier fungieren die drei Instrumente gleichwertig und übernehmen abwechselnd melodische, harmonische und perkussive Funktionen. Eine Festlegung auf bestimmte Popstile ist nicht zu erkennen, die Einflüsse reichen von Progressive Rock der 80er Jahre über Surf Music bis zu modernen Rockelementen. Experimente mit Verzerrern und anderen Effekten führten für das Hackbrett noch zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Ähnliche Versuche unternehmen derzeit die Hackbrettstudentin Lisa Schöttl und Kilian Lau in der Besetzung mit Hackbrett und E-Gitarre. Stilistisch orientiert sich das Duo LauSchRausch an progressivem Metal. Mit Moni Schönfelder hat sich außerdem jüngst eine profilierte Komponistin und Musikerin des Hackbretts angenommen. Die professionelle Saxophonistin setzt eine Spezialanfertigung des Hackbrettbauers Klemens Kleitsch auf dem Album "Dance of Elements" ein. Dort tritt das Hackbrett eher als perkussives Instrument in Erscheinung, das im Zusammenspiel mit Bass und Schlagzeug die Grundlage für mehrstimmige Bläsermelodien legt. Auch Schönfelder pendelt stilistisch zwischen Jazz, Latin und Akustik Pop.

Stärker in Richtung New Age geht die CD von Manfred Feldhaus, der Hackbrett und Gitarre autodidaktisch erlernt hat. Feldhaus' Instrument und Technik sind damit nicht auf dem neuesten Stand. Dennoch setzt er das Hackbrett relativ virtuos für Themen und Solospiel ein. Die Begleitung stammt von selbst arrangierten Midifiles. Vermutlich ließen sich noch zahlreiche andere Beispiele ähnlicher Machart anführen. Sie sind jedoch nur schwer auffindbar, da die Interpreten meist keine ernsthaften Ziele mit dieser Musik verfolgen. Kostproben ihrer Arbeit finden sich dann eher zufällig auf Videoportalen oder nicht weiter beworbenen Internetseiten.

Eine der wenigen, wenn nicht die einzige Künstlerin, die Vokalpop mit Hackbrett kombiniert, ist die Österreicherin Elisabeth Schweizer. Unter dem Künstlernamen eliz hat sie mit ihrer Band ein Album mit deutschsprachigen Eigenkompositionen veröffentlicht. Schweizer singt, spielt Akustikgitarre und Hackbrett. Letzteres setzt sie bei Strophen und Zwischenspielen wie eine Leadgitarre ein, das heißt in kurzen melodischen Phrasen oder meist einstimmigen Akkordzerlegungen. Wie Manfred Feldhaus legt sie wenig Wert auf besonderes Equipment, ihr Hackbrett entspricht der heute verbreiteten Standardversion mit zweieinhalb Oktaven Umfang ohne Dämpfpedal, ihr Hackbrettständer ist aus Metall. Schweizers Songs besitzen einfachen Folgen mit wenigen Akkorden, die über mehrere Takte gehalten werden. Ähnlichkeiten mit der Musik von Christina Stürmer und Claudia Koreck sind nicht von der Hand zu weisen. Ebenfalls aus Österreich stammt die Formation Salterina um Ulrike Knapp. Die Absolventin des Linzer Bruckner-Konservatoriums spielt in verschiedenen Besetzungen unter anderem Stücke mit Pop- und Jazzeinflüssen.

Bewusst soll in diesem Artikel der Stilmix ausgeklammert werden, der sich seit einigen Jahren als Tradimix oder Volxmusik etabliert hat. Zwar gibt es auch in dieser Richtung innovative Hackbrettspieler in mehreren Gruppen, doch gibt es in der Laienszene viele Stimmen, die sich Popmusik gänzlich ohne volksmusikalische Anklänge wünschen, und auch die bekanntesten Lehrer und Arrangeure stellen in dieser Richtung wenig bereit. Das rührt wohl auch von dem Wissen her, dass das Hackbrett eben nicht zwangsläufig mit der Volksmusik verbunden sein muss.