Der Temperamentswechsel in der italienischen Oper von 1680 bis 1710
Lorenz de Biasio
An der Feststellung von Martin Bukofzer („The Music of the Baroque Era“) aus dem Jahr 1947, dass in der zeitgenössischen Musizierpraxis zwar oft auf das 18. Jahrhundert, aber nur selten auf das 17. zurückgegriffen wird, hat sich bis heute nichts Grundlegendes geändert.

Damit haben wir den typischen Musikstil des 17. Jahrhunderts nicht mehr recht im Ohr und so auch kaum eine Ahnung vom Stil- und Temperamentsumbruch der Zeit um 1700, obwohl dieser sicher einer der interessantesten ist, den es in der Musikgeschichte älterer Zeiten gegeben hat.

Der Umbruch ist am deutlichsten in der Opern- und Oratorienentwicklung zu erkennen. So schrieb Arnold Schering schon 1911 über das Frühwerk Händels, das 1706 in Italien entstanden ist:

„Händels Werke mögen damals in der Tat das non plus Ultra gewesen sein … Alles in diesem Werk atmet Kühnheit, Jugendfrische, Leidenschaft, Übermut, und nichts zeigt besser die Wandlung zur Reife, als die Tatsache, daß ihm später selbst vieles allzu kühn und leidenschaftlich vorkam“.

Solche Werke finden sich nun aber nicht nur bei Händel, sondern auch schon bei dessen älterem Hamburger Kollegen Reinhard Keiser, vor allem aber natürlich in Italien bei Aldrovandini, Gasparini, Porpora, erst nach 1712 auch bei Vivaldi, Vinci etc. (zur zeitlichen Orientierung: die „Vier Jahreszeiten“ erschienen erst im Jahr 1724).

Äußerliches Zeichen dieses Umschwungs waren die Taktarten: Während in der Oper bis 1680 der getragene 3/2 Takt- sparsam aufgelockert durch 3/4 und 4/4 Takt - dominierte, wurde ersterer nach 1700 fast ganz aufgegeben.

Die seit ca. 1660 auftretenden 6/8 Takte (in der Instrumentalliteratur als „Giguen“) werden bis 1700 immer häufiger und münden dann in den Siegeszug des 3/8 und 2/4 Taktes. Mindestens bis 1660 war das Tempo der Vokalsätze durch die Taktarten vorgegeben, d.h. der 3/4 Takt war doppelt so schnell wie der 3/2 Takt, Achtel -Takte doppelt so schnell wie Viertel-Takte. Differenziertere Tempi (siehe Corelli op.1, 1681) entwickelten sich dann aus den ersten notierten Tempowechseln innerhalb eines Vokalsatzes bei A. Sartorius ab 1661.

In der immer stärkeren Fixierung der Komponisten auf den 3/8 Takt konnte dieser gegen Ende des 17. Jahrhunderts dann ebenfalls im gemäßigten Tempo stehen (was leider nicht unbedingt notiert sein muss, aber immer der Fall sein kann).

Unbestreitbar zeigt sich aber schon im Verfall des 3/2 Taktes, in der starken Vermehrung der schnellen Sätze, der zunehmenden Neigung zu eingängigen Bassrhythmen (Ostinati) ein Geschmacks- und Temperamentswechsel im Rahmen der Barockzeit, der uns heute viel zu wenig bewusst ist.

Sehr unzweideutig hat übrigens der heute fast vergessene Sängervirtuose Pier Francesco Tosi diesen Umschwung in seiner Gesangslehre von 1723 geschildert:

„In früheren Zeiten hörte man auf dem Theater bisweilen Arien der angenehmsten Art. Wurden diese Arien von fünf oder sechs Personen gesungen, so war es gar nicht mehr möglich, sich der Zärtlichkeit oder gar der Tränen zu enthalten. Wird denn heutigen Tages jemand, auch bey dem besten Gesange jemand bis zum Weinen gerühret?