Zum Tod von Edwin Kammerer

Vor einigen Jahren bin ich mit Edwin Kammerer anlässlich einer Aufführung seiner „Kleinen Krippenmusik“ für Hackbrett und Harfe in näheren Kontakt gekommen. Als Edi dann recht begeistert von einem Konzert unseres Chiemgauer Saitenensembles war, habe ich ihn um ein Stück für diese Besetzung gebeten. Er hat sofort zugesagt und uns den „Sachranger Halbwalzer“ – den „Hupferten“ aufgeschrieben. Wir haben dieses Stück seither mehrfach aufgeführt und meist waren Edi und sein Bruder Norbert mit dabei. Am Sonntag, dem 19. Oktober 2014, warteten wir bei unserem Konzert in Prien allerdings vergeblich auf den Besuch des Komponisten. Einen Tag später haben wir dann von dem tragischen Unfall erfahren, bei dem Edwin Kammerer in der Nacht zum Sonntag auf der Autobahn A8 ums Leben gekommen war.

Edwin „Edi“ Kammerer, geboren 1938 in Rosenheim, legte sein Staatsexamen in den Fächern Musiktheorie, Gehörlehre, Ensemble- und Chorleitung am Königlichen Dänischen-Musikkonservatorium in Kopenhagen ab. Er unterrichtete von 1967 bis 2002 an der städtischen Musikschule Horsholm, einer der renommiertesten Musikschulen Dänemarks, an deren Auf- und Ausbau er wesentlich beteiligt war. Neben seiner umfassenden Konzerttätigkeit als Hackbrettspieler in Dänemark und Bayern leitete er zeitweise verschiedene Chöre und Orchester, hatte einen Lehrauftrag im Nachausbildungsprogramm für dänische Musikpädagogen und hielt Komponisten-Workshops ab. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, viele Aufnahmen auf Tonträgern und Rundfunkmitschnitte bei Konzerten dokumentieren Kammerers Stellenwert im zeitgenössischen Konzertgeschehen.

Edwin Kammerer gehörte zu den Komponisten, die maßgeblich zur Wiederetablierung des Hackbretts als Instrument der sogenannten ernsten Musik, also auch außerhalb der alpenländischen Volksmusik, beigetragen haben. Da er selbst Hackbrett spielte, war es naheliegend, dass er dieses Instrument auch in seinen Kompositionen verwendete. Dabei hat er nie den Bezug zur Volksmusik seiner Heimat verloren. Er hat während der vielen Jahre in seiner Wahlheimat Dänemark vielleicht auch sein Heimweh in Töne gefasst und dabei begonnen, die alpenländische Volksmusik mit modernen Wendungen zu versehen (eigentlich eine frühe Form des heute so beliebten Crossover). Dem damals meist noch nicht so aufgeschlossenen Hackbrettspieler erleichterte diese klangliche Nähe zur Volksmusik natürlich die Annäherung an die Stücke sehr. 2005 ist er nach Bayern zurückgekehrt und lebte als freier Komponist wieder im Chiemgau.

Große Dankbarkeit empfinde ich für seine Verdienste um die „Hackbrettszene“ aber auch dafür, dass ich ihm in den letzten Jahren persönlich begegnen konnte. Mein tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie, insbesondere seinem Bruder Norbert, seinem „verlängerten Arm“, wie er es selbst einmal ausgedrückt hat. Ich bin sicher, dass Edwin „Edi“ Kammerers Werke auch in Zukunft auf den Konzertprogrammen vieler Musiker und Musikanten zu finden sein werden und er so in seiner Musik weiterleben wird.

 

Heidi Ilgenfritz