Auszug aus dem Brief Johannes Kuhnaus
an J. Mattheson vom 8. Dez. 1717
»Doch aber finde ich auf meinem Pantalonischen Zimbal, welches charmante, und nächst dem Claviere vollkommenes, Instrument, das auch in ihrem Orchestre sonderlich Approbation gefunden, bißher mich wohl in die 12 Jahr bethöret, und zu seinem Exercitio angelocket, das wenn ich eine zeitlang an denen mollen Modis, als C-F-G moll mich ergötzet, ich immer einen und anderen Clavem zu corrigiren finde, wenn sich die scenen auf einige Zeit verändern, und ich etwas mit denen Modis crucigeris, als H, Dis, Fis &c, versuchen will. Denn wenn man fürnemlich einen Bass-Clavem anschlägt, so klingt er, ungeachtet es mit Darm-Saiten bezogen, wie einer, der auf einer Orgel gehalten wird, lange nach, und lassen sich da viele Passagien und Resolutiones der Dissonantien mit gröster Wollust des Gemüths absolvieren, ehe er ganzlich verschwindet, es thut auch dieser Nachklang einem bald darauf touchirten tieffen Clavi nichts zum praejuditz, und muss das schwächere dem starcken gleich weichen, Vielweniger geschiehet durch das angenehme Nachsummen in Mittel oder Oberstimmen der Harmonie was zuwieder, weil man in den geschwindesten Sachen alle Claves distinctissime höret. Wenn man aber Accorden harpeggiret, welches hier, weil das Instrument von grosser etendue ist, (meines fängt sich vom 16.füßigen E an, continuiret im Genre diatonico bis ins 8.füßige G. von wechem sich die Chromatischen zugleich mit anfangen, und gehet oben bis ins drey gestrichene e.) auf das vollstimmingste geschehen kan, so gehet das liebliche sausen der Harmonie, und da auch, wenn man aufhöret, der Klang noch immer wie von weiten nach und nach abnimmt, bis ins Leben hinein. Nur ist es Schade, dass 1.) dieses Instrument ein sehr langes Corpus haben will, wenn der Zug der Saiten, sonderlich derer aus Därmen, jedem Chore gemäß seyn soll; 2.) die unterste Verstegung noch nicht so richtig ausgefunden, dass sich nicht einiger defect in der egalité der Chöre herfür thue; 3.) Herculeum laborem erfordert, daher auch wenig Studenten hat, auch wenn sich gleich manche dazu einfinden, so treten sie doch bald wieder auf die Hinterfüsse, wenn ihnen so viele Steine des Anstossens im Weg kommen, sonderlich, da die sich den Lohn für so große Arbeit, oder die jährliche Pension von 1200 Rthlr. wie Monsr. Pantalon hat, nicht versprechen können. Ungeachtet sich dieser excellente Meister des Jahrs etwann einmahl vor dem Könige hören lässet, verdienet doch seine Virtù und unverdrossene Mühe, die er von Jugend auff, bis hieher, darauf gewendet, (es hat mir Mons. Woulmyer referieret, dass er einsmahls ein viertel Jahr ohngefehr bey ihm in Berlin gewesen, und ausser der Tag-Zeit auch die meisten Nächte mit dem exercitio dieses Instruments zugebracht) dieses und noch ein mehrers. Dieses Instrument hat auch diese Praerogativ und Eigenschafft vor denen Clavieren daß man es mit force [sic] und wieder piano, als worinnen ein grosses momentum dulcedinis & gratiæ musicæ bestehet, tractiren kan * . Der sonderlichen Variationen zu geschweigen, da die Tangenten oder Schlägel bald bloss, bald mit Baum-Wolle oder was anders umwunden, gebrachten werden. Der vornehme und excellente Lautenist, Graff Logi, stellte vor 20 Jahren ohngefahr, und zu der Zeit, als Monsr. Pantalon noch bey uns einen Maitre de Danse agirte, ein Concertgen zwischen ihm, diesen und mir, an. Der Graff liesse sich auf seinem Instrument, wie es ihn Orchestre von einem, der den Namen eines Virtuosen und Meisters behaupten will, erfordert, in sehr gelehrten praeludiren, und mit einer schönen und galanten Partie, mit aller ersinnlichen delicatesse, hören: Ich that auch, was ich auf meinem Clavicordio vermochte, und war schon damahls mit dem Orchestre in diesem Stücke einerlen Meinung, dass ein solches, ob gleich stilles, Instrument zur Probe und guten expression der Harmonie auf dem Claviere am besten diene ** . Endlich that Monsr. Pantalon seine Sprünge, und nachdem er uns seinen schatz von der Music durch præludieren, fantasieren, fugieren und allerhand caprices mit den blossen Schlägeln gewiesen hatte, verbandt er endlich die Tangenten mit Baum-Wolle, und spielte eine Partie. Da wurde der Herr Graff ganz ausser sich gesezet, er führte mich aus seinem Zimmer über den Saal, hörte von weiten zu, und sagte: Ey was ist das? Ich bin in Italia *** gewesen, habe alles, was die Musica schönes hat, gehöret, aber dergleichen ist mir nicht zu Ohren kommen.«