Zum Tod des Komponisten Peter Kiesewetter
Birgit Stolzenburg
Peter Kiesewetter wurde 1945 in Marktheidenfeld in Unterfranken geboren. Nach dem Umzug der Familie nach Augsburg ging er dort auf das Gymnasium, lernte Akkordeon, Klavier und Orgel und verfasste erste Kompositionen, von ihm selbst als „Klavierstückchen“ bezeichnet. Nach dem Abitur erfolgte ein Kompositionsstudium bei Günter Bialas und Hermann Pfogner an der Musikhochschule München, wo er ab 1972 Musiktheorie und später auch Komposition unterrichtete. Nebenher übte er eine journalistische Tätigkeit aus, schrieb Texte für Rundfunk und Zeitschriften, überwiegend Besprechungen Alter Musik. Zahlreiche Werke für die unterschiedlichsten Gattungen und Besetzungen entstanden, einen außergewöhnlichen Erfolg feierte er mit Tango pathtétique, der mehrfach von Gidon Kremer und Yehudi Menuhin aufgeführt wurde. Er erhielt Kompositionsaufträge u.a. vom Bayerischen Rundfunk (1994-1997) und dem Kibbutz Chamber Orchester in Tel Aviv (1991). Peter Kiesewetters Werkkatalog umfasst mehr als einhundert Werke, dazu kommen viele Früh- und Nebenwerke ohne Opuszahl. Seine Kompositionen reichen von Kammermusiken, Gesangsszenen bis hin zu größer besetzten Orchesterwerken und Sinfonien. 1992 erhielt er eine Professur für Komposition an der Musikhochschule Hannover. Kurze Zeit später begann seine Parkinson-Erkrankung, die seine Unterrichtstätigkeit beendete, aber nicht sein kompositorisches Schaffen. In dieser Zeit entstanden u.a. eines seiner Hauptwerke, das Oratorium Bereshit sowie die Kompositionen für Hackbrett. Am 3. Dezember 2012 ist Peter Kiesewetter verstorben.

Obertonreicher, schwebender und schillernder Klang

Das Hackbrett im Werk von Peter Kiesewetter Peter Kiesewetter schuf Sololiteratur, Kammermusikwerke, methodische Literatur für Kinder und Anfänger sowie Orchesterwerke für Hackbrett. Auf seine Anregung hin entstand sogar ein neues Hackbrettmodell, das Kontrabasshackbrett, das von Klemens Kleitsch für das Orchesterwerk Promèteo sowie für die CD Einspielung Unser Wagner entwickelt wurde. Die außerordentlich obertonreichen Klänge der tiefen Hackbrettsaiten sind neuartig und bieten ein wirklich freies Feld für Interpretation und Assoziation.

Der überhaupt sehr obertonreiche, schwebende und mitunter schillernde Klang des Hackbretts stellt bei allen Werken Kiesewetters ein Faszinosum dar. Aus der percussiven Anschlagsart mit zwei hölzernen Hämmerchen von Hand ergibt sich eine Verbindung von modernem Rhythmusempfinden mit einer archaisch anmutenden Klangwelt. All das vereint sich bereits in seinem ersten Werk für Hackbrett solo von 1993. Shoshanim (hebräisch: Rosen/auch Lilien) für Tenorhackbrett, stellt hohe technische Anforderungen: mit zwei Händen sollen drei polyphone Stimmen hörbar gemacht werden. Auch weitere instrumentenspezifische Möglichkeiten wie Tremolo, Ricochet (Tremolo durch wiederholtes Aufspringen eines Schlägels auf dem Saitenchor), Pizzicato und Flageolet werden verwendet. Der lange Nachhall einzelner akzentuiert gespielter Töne wird auf besondere Weise eingesetzt um Mehrstimmigkeit zu erzeugen. Der Schlussteil („Traum von Rosen“) mit reduziertem Tonraum und sparsamer Rhythmik bekommt durch die schwebenden Obertöne, die differenzierte Dynamik, dem Wechsel von silbrigem und weichem Klang mittels blanken Holz- und Filzschlägeln sowie dem Zupfen mit den Fingern und dem Flageolet förmlich etwas Mystisches: der „Traum von Rosen“ ist nach mündlicher Anmerkung Kiesewetters misterioso zu interpretieren.

Hervorgehoben seien hier noch zwei Werke: Shalah-Nirga und Medusa. Shalah-Nirga (hebr. ruhig sein-ruhig werden), ist eine einsätzige Komposition für Hackbrett und Hammerflügel von 45 Minuten Dauer, hier verschmelzen der weiche Klang des Hackbretts mit dem Nuancenreichtum des Hammerflügels zu einer Einheit. Der Zyklus Medusa besteht aus sieben Duos für zwei Tenorhackbretter. Ein Duo, Le Streghe (ital. Die Hexen), ist eines der spektakulärsten Hackbrettstücke überhaupt: der sich in Tempo und Dynamik steigernde Verlauf treibt den Puls der Spieler und Zuhörer gleichermaßen in die Höhe.

Peter Kiesewetter setzt das Hackbrett als universelles Instrument jenseits feststehender Assoziationen ein. Er lässt sich auf die Klangcharakteristik des Instrumentes ein und lotet dessen technisch und musikalische Möglichkeiten aus, geht hierbei durchaus auch über Grenzen und eröffnet so dem Instrument neue Möglichkeiten. Alle Kompositionen zusammengerechnet hat Peter Kiesewetter über vier Stunden Musik für und mit Hackbrett geschaffen und darf damit als einer der wichtigsten und wegweisendsten Komponisten für das moderne Hackbrett des 20./21. Jahrhunderts gelten.

Peter Kiesewetter und Pizz und Batt

Eine besondere Bedeutung hat Peter Kiesewetter für junge Hackbrettspieler- und spielerinnen sowie für Anfänger jeden Alters: 1997/98 begleitete er die Entstehung der vierbändigen Hackbrettschule „Pizz und Batt“, nach deren methodischen Konzept er Übungsliteratur für zwei Hackbretter komponierte, die zugleich klangschöne und einfallsreiche Vortragsstücke sind. Das erste dieser Duos, „König Blau“ basiert auf dem einzigen Ton f, von wo aus sich bis zu den letzten beiden Duos Tonraum, Taktarten und Rhythmen entwickeln. Von Anfang an werden die Klangeigenschaften des Hackbretts zur Geltung gebracht, Hören und musikalisches Empfinden geschult, die Phantasie angeregt, technisch Einfaches mit musikalischem Anspruch verbunden. In den vier Bänden sind insgesamt 20 Duos sowie ein Stück für zwei bis sechs Hackbretter enthalten.

Die Zusammenarbeit mit Peter Kiesewetter wird mir unvergessen bleiben. Dieser Komponist mit einer Vorliebe für große Formen und umfangreiche Besetzungen ließ sich darauf ein, kleinste und kürzeste Stücke in Minimalbesetzung für zwei Hackbretter zu komponieren und das auch noch nach genauesten Vorgaben. Die Stücke sollten ja Übungen zu einem jeweiligen Thema sein, ich gab also Töne, Taktart, Rhythmus und manchmal auch den Einsatz von Tremolo, den Wechsel von Schlagen und Zupfen, bestimmte Dynamik vor. Noch dazu sollten die ersten Stücke in einem vorgegebenen Schlagmuster spielbar sein, der ganze erste Band hat den Wechselschlag zum Thema. Das Ganze spielte sich also folgendermaßen ab: da Peter Kiesewetter zu diesem Zeitpunkt bereits durch seine Parkinson-Erkrankung nicht mehr in der Lage war, selbst zu schreiben, hat er mir die Stücke sozusagen „live komponierend“ in die Feder diktiert. Ich durfte also bei diesem kreativen Prozess dabei sein, sein Vergnügen, seine Neugier erleben und alle Stücke sofort ausprobieren, die Musik floss direkt aus seinem Kopf in den Klang des Hackbretts. Kiesewetter war nie auf das Klavier oder ein anderes Instrument angewiesen, um seine Kompositionen zu entwickeln: „Ich schreibe nur das, was ich innerlich höre, nichts, was sich nur aus musikalischer Konstruktion oder Rechenarbeit herleiten ließe“ (in: Schulbuch „Musicassette 11B“, München 1994, zitiert in: Komponisten in Bayern, Band 51, Tutzing 2009, S. 27).

Die Stücke von Peter Kiesewetter in Pizz und Batt sind das Gerüst in der konzeptionellen Reihung der vielfältigen Aufgaben von Spieltechnik und Musiktheorie, ihre bildhaften Titel regen die Phantasie an und musikalisch ausdrucksvollem Spiel. Sie eignen sich auch bestens als Grundlage, um neue Aufgabenfelder auf improvisatorische Weise zu vermitteln. Die Musik stellt zudem einen Kontrast zu der Anfängerliteratur aus Volksmusik und Folklore dar und führt die Lernenden auf die Musik heutiger Zeit hin.

Kompositionen für Hackbrett von Peter Kiesewetter

*erschienen im Musikverlag vierdreiunddreissig, München

Diskographie