Georg Gebel
aus: « Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten und Tonkünstler«
von Johann Adam Hiller, Leipzig 1784
(Schreibweise und Orthographie, diese v. a. in der Zeichensetzung modernisiert von L. de Biasio)

(Er) war zu Breslau, den 15. Okt. 1709 geboren und der älteste Sohn Georg Gebels, des wackeren Organisten zur Dreifaltigkeitskirche allda. Er kam so elend und schwach auf die Welt, dass man in aller Eil' Anstalt machen musste, ihn im Hause taufen zu lassen. Seine nachfertige Unruhe in der ersten Kindheit konnte durch nichts besser gestillt werden, als wenn man sich mit ihm an ein Klavier setzte und er mit den beiden Händen darauf herumschlagen konnte. Er vergaß Schmerz und Schreier, wenn er nur Töne hörte - eine nicht zweideutige Anzeige seines im Keime noch verborgenen musikalischen Genies. Da nun meistenteils die Väter nicht ungern sehen, wennn sich ihre Söhne und besonders die Erstgeborenen zu dem wohl anlassen, was sie selbst treiben und wodurch sie ihr Brot in der Welt haben, so war auch der Organist Gebel der Meinung, dass sein Sohn bei der Musik bleiben und damit in der Welt fortkommen solle. Er fing also schon im dritten Jahr an, eine Art des Unterrichts zu machen, wodurch der junge Gebel die Finger auf dem Klavier zu einer bestimmten Absicht setzen lernte. Da diese Bemühung nicht fruchtlos ablief, so ward in folgendem Jahre die Kenntnis der Noten hinzugetan; und sodann der junge Gebel im Spielen nach Noten so fleißig geübt, dass er im sechsten Jahr seines Alters sich schon in den Häusern der Großen zu Breslau mit Beifall und Bewunderung hören ließ und ansehnliche Geschenke erhielt. Der Vater ward dadurch ermuntert den Unterricht seines Sohnes sich immer mehr angelegen sein zu lassen. Er lehrte ihn den Generalbass und setzte ihm verschiedene Concerte für das Clavicymbel von ansehnlicher Länge und ungemeiner Schwierigkeit, welche der Knabe nach und nach sehr wohl und fertig spielte. Auch in der Kunst des Präludierens und Fugierens gab er ihm Unterricht und setzte ihm verschiedene Fugen und Präludien als Muster auf, nach denen er sich bilden konnte. Der alte Gebel erzählte das selbst in seiner Lebensbeschreibung, nach seiner Art sehr kurz und summarisch: » Man verspürte, sagt er, bei dem ältesten Sohn Georg schon im dritten Jahr seines Alters eine Neigung zur Musik, im vierten fing er an das Klavier zu spielen, im fünften zu singen im sechsten die Orgel in der Kirche zu schlagen, im siebten die Violin zu streichen, im achten zur völligen Musik zu präludieren und zu accompagnieren usw.« Um zu all diesen Übungen ein taugliches Instrument zu haben, ließ der Vater nach eigener Erfindung ein Clavicymbal mit einem Pedal bauen und der junge Georg vertrieb sich auf demselben so fleißig die Zeit, dass er alles, was er mit den Händen machte - Triller, laufende und gebrochene Passagen - auch mit den Füßen auf dem Pedale machen lernte. Bei dem allen war seine Fingersetzung noch ganz nach einer alten Mode und gar nicht der neuern Bachischen Applicatur gemäß; nämlich so, dass er den Daumen wenig oder gar nicht gebrauchte, auch sogar den kleinen Finger, wenigstens in laufenden Passagen, noch hätte entbehren können. Er brachte alle möglichen Läufe mit drei Fingern vollkommen rund und sicher heraus, und da er es einmal gewohnt war, hatte er auch nicht Lust, nach der Zeit erst eine andere Applicatur anzunehmen. Der Ruf von seiner Geschicklichkeit hatte sich indes auch außerhalb Breslaus so verbreitet, dass er im zwölften Jahr seines Alters mit seinem Vater zugleich nach Oels zu einer Orgelübernahme angefordert wurde. Er ließ sich hier vor dem Fürstlichen Hof und vielen anderen Anwesenden auf der Orgel hören; und alle konnten ihre Verwunderung über die Geschicklichkeit eines elfjährigen Organisten nicht genugsam zu erkennen geben. Bei so bewandten Umständen ward dem Vater geraten, was nach der Zeit so viele Väter mit ihren in der Tat kindischen Virtuosen ungeheißen getan haben, nämlich eine Reise mit ihm, besonders an den kaiserlichen Hof nach Wien, zu machen. Der Vater war aber ein Mann von so übertriebener Bescheidenheit, dass er lieber wie seinem Sohne im Dunkel bleiben, als sich auf Geradewohl auf dem Schauplatz der Welt öffentlich zeigen wolle. Von der Zeit an ließ ihm der Vater die Verrichtungen seines Amtes völlig, welche er mit allem Ruhm verwaltete. Für die Schulwissenschaften war bisher zu Hause gesorgt worden: nun aber fand es der Vater für gut, ihn das Gymnasium Mariä Magdalenä besuchen zu lassen und ihm im Hause einen Lehrer der französischen und italiänischen Sprache zu halten. Das Studium der Musik ward dabei aber immer noch mit allem Fleiße fortgesetzt. Der Vater hatte ein Klavier mit Viertelstöcken machen lassen, und unser Gebel übte sich fleißig auf diesem mit unnötigen Schwierigkeiten beladenen Instrument. Er lernte nun auch von seinem Vater die Grundsätze der Composition gründlicher verstehen und suchte sich dieselben durch fleißiges Schreiben recht geläufig zu machen. Seine Feder wurde auch dazumal schon mit so mancher bestellten Hochzeitskantate beschäftiget (...) Im Orgelspielen bekam sein Geist stets neue Kraft, wenn er den vortrefflichen Organisten Krause, der damals an der Domkirche war, hören konnte, Eifer und unermüdeter Fleiß im Studiren der Musik und das daraus notwendig erfolgende Zunehmen an Stärke und Geschicklichkeit verschafften ihm nicht nur in den angesehensten Häusern einträgliche Unterweisungen, sondern auch die Bekanntschaft und Freundschaft so manches braven Künstlers und Virtuosen; unter denen besonders der Hoforganist zu St. Elisabeth, Hofmann, und der berühmte Lautenist Kropfgans zu merken sind; der erste, weil er nach der Zeit mit ihm beim Minister Brühl in einerlei Dienst zusammenkam. Im zwanzigsten Jahre seines Alters bekam er die zweite Organistenstelle zu St. Maria Magdalena; auch musste er viel für das Gymnasium und für die catholische Kirche komponieren. Bei so vielen und mancherlei Beschäftigungen, die überall mit Beifall aufgenommen wurden, fehlte es ihm nicht an Gelegenheiten, sich auswärts zu versorgen. Er wurde öfters nach Oels gerufen, um daselbst bei vorfallenden Solennitäten Musiken aufzuführen. Der Herzog von Oels ernannte ihn auch wirklich zu seinem Kapellmeister; doch bat sich Gebel die Erlaubnis aus, dass er bei seinem bisherigen Amte in Breslau bleiben und nur bei Solennitäten in Oels gegenwärtig sein dürfe, welches ihm auch zugestanden ward. Im Jahre 1739 bekam Gebel und der Gambist Müller aus Warschau von dem Minister Brühl den Ruf zu einer Kapelle. Der Herzog von Oels entließ sie beide sehr ungern. Gebel gefiel auch dieser Ruf nur deswegen, weil er ihm Gelegenheit verschaffte, sich noch in anderen Gegenden der Welt umzusehen. Er reiste also nach Warschau, ging hernach mit dem Hofe nach Dresden und erwarb sich den Beifall und die Freundschaft aller Dresdner Virtuosen. Hier ward er mit einem jungen Frauenzimmer bekannt, das mit ihm gleichen Namens führte – (...) eine hinterlassene Waise eines Malers in Berlin (...) Gebel bekam auf einmal an zweierlei Geschmack: am Heiraten und am Malen. Zur Ausführung des ersten Punktes war er sich allein genug, in Ansehung des zweiten unterstützten ihn seine nunmehrige Frau und ihr Bruder, ein nicht ungeschickter Miniaturmaler in Dresden; so dass Gebel es in kurzer Zeit fast ebensoweit in der Malerei brachte, als er es vorher in der Musik gebracht hatte. Es fiel auch einst dem Minister Brühl ein, Gebeln das neue, damals noch sehr rare Instrument, Pantalon genannt, erlernen zu lassen. Der Erfinder dieses Instruments, der alte Pantaleon Hebenstreit, gab ihm aber die Unterweisung zu einer so unbequemen Stunde, dass Gebel allen Fleiß anwandte, um seines Unterrichts je eher, je lieber entbehren zu können. Er brachte es binnen eines Jahrs soweit, dass er Concerte und Fugen auf diesem Instrumente spielte und selbst seinen Meister in vielen Stücken übertraf. In Dresden hat er so wie vorher in Breslau sehr viel komponiert: Sinfonien, Parthien, Concerte für den Clavecymbal und den Pantalon, eine Operette (...) Öffentlich ist aber nichts von ihm bekannt geworden, außer einer einzigen Klaviersonate, die man in Kupfer gestochen hat. Nachdem er zwölf Jahr in den Diensten des Ministers Brühl gewesen war, bekam er einen Ruf nach Rudostadt. So sehr es nun das Ansehen gehabt, als ob er nie von Dresden wegkommen würde, so bekam er doch seine Entlassung sehr bald und zog mit den Seinigen nach Rudolstadt (...) Er hat in einer Zeit von sechs Jahren in Rudolstadt ungemein viel komponiert (...) Dieses viele Sitzen und Anstrengen des Kopfes (wie er denn öfters ganze Nächte über seinen Partituren saß) zog ihm endlich das beschwerliche Übel der Hypochondrie zu (...) Es wurden zwar alle Gegenmittel versucht - auch ihm zu einer Reise Urlaub gegeben - aber bei seiner Rückkunft, da er sogleich alle Versäumnisse wieder einbringen wollte und mit Ungestüm über seine Arbeiten herfiel, fiel auch die Krankheit mit verdoppelter Wucht wieder über ihn her, so dass man nun nichts anderes als seinen Tod vorhersagen konnte, wie er denn auch den 24. Sept. 1753 die Welt verließ (...)